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Wie sich die Druckindustrie neu erfindet.

Branche · Druck Lesezeit · 4 min
Mittelständische Druckerei in einem deutschen Gewerbegebiet — Außenansicht

Die Druckindustrie ist eine der ältesten Industrien Deutschlands. Sie ist auch eine der am stärksten unter Druck — Auflagen schrumpfen, Kunden wollen kleiner, schneller, individueller. Wer hier seit Jahrzehnten gut wirtschaftet, hat in den letzten zehn Jahren mehr verändert als in den vier Jahrzehnten davor.

Was sich verändert hat.

Drei Verschiebungen prägen den Alltag in mittelständischen Druckereien: Erstens, kleinere Aufträge in höherer Frequenz — dieselbe Marge auf zehnmal mehr Vorgängen. Zweitens, Web-to-Print-Portale, die rund um die Uhr Aufträge erzeugen. Drittens, Kunden, die innerhalb von Stunden eine Bestätigung erwarten, nicht innerhalb von Tagen.

Die Maschinen können das. Investitionen in Digitaldruck, Inline-Veredelung und automatisierte Bogen-Logistik haben den Maschinenpark anschlussfähig gemacht. Was nicht mit gewachsen ist: das Backoffice. Angebot, Auftragsbestätigung, Statusrückfrage, Reklamation — vieles davon läuft noch über dieselbe Personenstärke wie vor zehn Jahren, nur mit zehnmal so vielen Vorgängen.

Wo digitale Mitarbeiter ansetzen.

Ein digitaler Mitarbeiter in einer Druckerei ist kein Maschinenbediener. Er sitzt im Innendienst. Konkret: Er nimmt eingehende Anfragen aus dem Postfach oder dem Web-to-Print-Portal an, prüft sie auf Vollständigkeit, erstellt einen Angebotsentwurf auf Basis der hinterlegten Kalkulation, und gibt den Vorgang sauber an den zuständigen Sachbearbeiter weiter, sobald etwas nicht der Standardlogik folgt.

Drei Vorgangsarten lohnen sich erfahrungsgemäß zuerst: Standard-Angebote unter einem definierten Auftragswert (typische Visitenkarten-, Flyer-, Briefbogen-Aufträge), Auftragsbestätigungen mit Liefertermin-Berechnung gegen den Maschinenplan, und Statusrückmeldungen an Kunden im Lauf der Produktion.

Wo digitale Mitarbeiter bewusst nicht ansetzen.

Großauflagen, Sonderveredelung, Reklamationen mit Kulanzbedarf — all das gehört in erfahrene Hände. Ein digitaler Mitarbeiter, der versucht, eine Reklamation zu deeskalieren, ist eine Reklamation, die zu einer Kündigung wird. Der Punkt ist nicht, alles zu automatisieren. Der Punkt ist, die wiederkehrenden Standardvorgänge so sauber durchzuziehen, dass die erfahrenen Sachbearbeiter den Kopf frei haben für das, was wirklich Marge bringt.

Was das praktisch bedeutet.

Eine Druckerei mit 80 Mitarbeitern und einem Innendienst von sechs Personen verarbeitet im Schnitt 400 bis 600 eingehende Vorgänge pro Woche. Wenn ein digitaler Mitarbeiter 30 bis 40 Prozent davon übernimmt — Standard-Angebote, Bestätigungen, Statusrückmeldungen — entsteht im Innendienst kein freier Tag, sondern Reaktionszeit. Anfragen, die heute zwei Tage liegen, werden in vier Stunden beantwortet. Das ist der Unterschied, den der Kunde im Markt spürt.

Der nüchterne Teil.

Damit das funktioniert, muss vorher geklärt sein: Welche Aufträge gelten als Standard. Welche Kalkulationsregeln gelten. Welche Felder im ERP sind Pflicht. Welcher Sachbearbeiter bekommt welche Übergabe. Diese Arbeit kostet im Setup zwei bis drei Wochen Abstimmung — nicht weil die Technik kompliziert ist, sondern weil die bestehenden Regeln zum ersten Mal explizit aufgeschrieben werden. Ohne diesen Schritt arbeitet kein digitaler Mitarbeiter — auch keiner aus einer Plattform-Suite, die das Gegenteil verspricht.

Wenn Sie an einem Industrie-Standort sitzen, in dem ähnliche Verschiebungen laufen — Maschinenpark steht, der Innendienst rudert — passt die Frage nicht „können wir digitalisieren", sondern „wo lohnt sich der Anfang". Genau das klären wir im Erstgespräch.

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